Schlagen bedeutet nicht Lieben: Häusliche Gewalt und warum Opfer zurückkehren
Eine Mandantin meldet sich wegen häuslicher Gewalt. Polizeiliche Wohnungsverweisung für 10 Tage, gerichtliches Annäherungsverbot. Alles geregelt, Maßnahmen getroffen, die Parteien getrennt.
Und keine zwei Monate später klingelt das Telefon in der Kanzlei: „Wir haben uns versöhnt. Er hat versprochen, sich zu ändern, mich mit Geschenken überhäuft. Die Kinder, das Haus… Sie verstehen schon.“
Ich verstehe. Ich höre das ständig.
Wenn Sie geschlagen werden und in dieser Beziehung bleiben, bedeutet das im Grunde, dass Sie es zulassen. Nicht weil Sie „Schmerz wollen“, sondern weil solche Beziehungen bestimmte Vorteile bieten — sie nähren das innere Opfer.
Das Opfer ist immer „die Gute“. Man bemitleidet sie, Freundinnen unterstützen sie, Verwandte haben Mitgefühl. Sie trägt gewissermaßen einen Heiligenschein. Darüber hinaus erhält sie eine besondere, fast elterliche Aufmerksamkeit vom Partner: erst Gewalt, dann Reue, Fürsorge, Entschuldigungen, Geschenke. „Wer schlägt, der liebt.“ Es entsteht die Illusion von Sicherheit und Bedeutsamkeit.
So sammeln sich über Jahre sekundäre Gewinne an, und der Verzicht darauf fällt extrem schwer. Meistens laufen diese Prozesse unbewusst ab. Genau deshalb zerfallen solche Beziehungen und werden immer wieder neu aufgenommen.
Was den Aggressor betrifft — er weiß genau, was er tut. Die Geschichten über Alkohol und „Kontrollverlust“ sind bequeme Ausreden. Aber derselbe Mensch geht nicht hin und schlägt einen stärkeren Mann oder greift einen Polizisten an, egal wie betrunken er ist. Aber die Ehefrau oder Partnerin — die kann er schlagen. Er unterscheidet immer ganz genau, wer schwächer ist.
Meiner Erfahrung nach sind die problematischsten Beziehungen jene, in denen Gewalt als Liebe ausgegeben wird und die Versöhnung als Lösung des Problems gilt. Hier geht es nicht um Gefühle, sondern um Ihre bewusste Entscheidung und Verantwortung.
Und wenn Sie ins Blickfeld des Jugendamts geraten, das die Lebensbedingungen Ihrer Kinder überprüfen kommt — dann ist das keine Frage von Emotionen und Versprechen mehr, sondern von Fakten und rechtlichen Konsequenzen.
